Blick in die Zukunft der Anbieter von Automatisierungstechnik und was sie für ihren Erfolg tun können

Ein Interview mit Klaus Hübschle, Technischer Leiter (CTO) bei M&M Software

Die digitale Zukunft der Systemanbieter wird sich in zwei Richtungen entwickeln. Die Möglichkeiten vor Ort werden ausgebaut und gleichzeitig wird eine verbesserte Konnektivität die Auslagerung von mehr Funktionen auf externe Server erlauben.

Begünstigt durch die Weiterentwicklung im Bereich des Edge-Computing wird sich die Intelligenz zunehmend an die Ränder der Netzwerke bzw. ins Feld verlagern. Dies wirkt sich vor allem auf die Art und Weise aus, in der Prozesse mithilfe des IoT gesteuert werden, z. B. über Steueralgorithmen, die durch maschinelles Lernen gewonnen werden. Es hat außerdem großen Einfluss darauf, wie solche Engineering-Tools in Zukunft aussehen werden. So müsste beispielsweise aufgrund der hohen Leistungsanforderungen beim Edge-Computing die Performanz von Engineering-Tools und Hardware entsprechend ausgelegt sein. Die neuen Möglichkeiten hätten auch Einfluss auf die Projektierung der Steuerprozesse. Einerseits muss Raum für die volle Nutzung dieser Möglichkeiten geschaffen werden und andererseits muss der Weg bereitet werden, um diese Systeme aktualisierbar und damit zukunftsfähig zu machen.

Eine verbesserte Konnektivität würde eine stabilere und schnellere Kommunikation zwischen den Fertigungsstandorten erlauben. So könnten mehr Aktivitäten in die Cloud verlagert werden als heute denkbar ist. Bei höheren Datenvolumen verhindert die Latenz in Mobilfunknetzen derzeit noch die Datenverarbeitung in Echtzeit. Durch eine verbesserte Stabilität und Geschwindigkeit könnten mehr Daten in kürzerer Zeit übertragen werden. Das bedeutet, es könnten mehr Geräte angeschlossen werden und Echtzeit-Entscheidungen wären möglich. Dank leistungsfähiger Netzwerke wie 5G wären Geräte nicht mehr nur reine Terminals für die Datengenerierung, sondern werden zu energieeffizienten Rechnern mit erweiterter Rechenleistung.

Alles in allem bedeutet dies, dass immer mehr Controller zu IoT-Geräten werden. Sie dienen nicht länger als einfache Prozess-Controller, sondern erlauben es dem Anwender, eigene Geschäftsprozesse zu implementieren. Die Geschäftsmodelle der Systemanbieter wandeln sich damit ebenfalls. Künftig wird die Aufgabe darin bestehen, Kunden in die Lage zu versetzen, ihre Geschäftsmodelle eigenhändig anzupassen. Es werden bereits Plattformen und Tools angeboten, die es den Anwendern erlauben, für ihre bestehenden Systeme selbst neue Tools zu erstellen.

Das stellt eine große Herausforderung für die gesamte Branche dar, die sich in einer voll automatisierten Engineering-Umgebung behaupten muss. Die Automatisierungsbranche muss sich deshalb selbst in das System der Digitalen Fabriken integrieren. Die Frage ist allerdings: Wird man das zulassen? Gibt es offene Standards, die kleineren Lösungsanbietern die Integration in die digitalisierte Engineering-Umgebung ermöglichen?

Bei M&M sind wir der Ansicht, dass es vier Dinge gibt, die diese Firmen tun können, um von den neuen Möglichkeiten zu profitieren.

Erstens können Plattformen aufgebaut werden, die die Entkopplung der Engineering-Kompetenz von der technischen Entwicklung erlauben, sodass die Engineering-Systeme flexibler werden und sich an unterschiedliche technische Systeme anpassen lassen. Aufgrund des immer schnelleren Wandels und des Fehlens eines eindeutigen Standards ist es zwingend notwendig, dass das Engineering kompatibel mit Generationen von Technologien und Hardware ist.

Zweitens können sich die Systemanbieter selbst um offene Standards bemühen, indem sie standardgebenden Organisationen wie der STT beitreten. Auf diese Weise können sie verhindern, dass alle in eine Sackgasse geraten, wo jede Firma eigene Standards definiert und damit die anderen ausschließt. Bis es gelingt, einen eindeutigen Industriestandard festzulegen, können die Systemanbieter Partnerschaften zwischen den einzelnen Systemen entwickeln und Integrationsschnittstellen bereitstellen, damit sie mehr an der voll automatisierten Engineering-Umgebung teilhaben können.

Drittens ist bei der Entwicklung von Automatisierungslösungen für Anwender vom Anfang bis zum Ende eine starke Kundenorientierung unerlässlich. Dies lässt sich durch praktische Kenntnisse vom Betrieb der Kundenanlagen erreichen, idealerweise durch Einbeziehung in die Implementierung, und die Freiheit, notwendige Anpassungen an Änderungen des Marktes strategisch zu beeinflussen.

Viertens und letztens setzt die vollständige Digitalisierung voraus, dass auch die Produktplanung digitalisiert werden muss. Die Anwender-Workflows rund um das Produkt lassen sich digital visualisieren, um so hinsichtlich der Elektrik-, Firmware-, Tool-, Vertriebs- und Marketing-Prozesse die optimale Produktarchitektur für den Endkunden zu erreichen.

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