Was treibt den Wandel in der Fertigungsautomation voran und was sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche digitale Zukunft?

Ein Interview mit Jerry Zhang, Technischer Leiter bei M&M Software

Frage: Welchen entscheidenden Faktoren und Herausforderungen müssen sich die Anbieter von Automatisierungstechnik und deren Kunden in der Fertigungsindustrie heute stellen?

Jerry Zhang: Ein grundsätzliches Problem stellen in der Fertigungsbranche fehlende finanzielle Mittel für die Weiterentwicklung der Hard- und Software in den Betrieben dar. Das Budget ist hier überwiegend für Gebäude und andere Festkosten eingeplant. Die Bereitschaft, in die Modernisierung der Fertigungsanlagen zu investieren, hält sich daher in Grenzen.

Die Geräte- und Systemhersteller sehen sich mit dem Margendruck und mit der Notwendigkeit der Digitalisierung ihrer Produkte und den Vorbehalten dagegen konfrontiert. Sie stehen unter Preisdruck, da auch die Margen für die Kunden in der Fertigungsindustrie kleiner werden und neue Anbieter mit neuen Geschäftsmodellen auf den Markt drängen und von der Wertschöpfungskette der Kunden profitieren wollen. Gleichzeitig steigen die Personal-, Material-, Betriebs- und Investitionskosten. Angesichts des zunehmenden Hypes um die Digitaltechnik und Digitalisierung besteht ein gewisser Handlungsdruck für die Einführung neuer Technologien. Bei näherer Betrachtung konkreter Geschäftsszenarien ist aber kein entsprechendes Wachstum zu erkennen, so dass sich die Frage stellt, wie groß der Mehrwert dieser neuen Technologien tatsächlich ist. Das führt in der Regel in eine Sackgasse, wo sowohl der Anbieter als auch der Anwender von Automatisierungstechnik „etwas in Richtung Digitalisierung“ machen wollen, aber beide nicht so recht wissen, wie.

In China wiederum ist als besonderes Problem eine unterschiedlich schnelle Weiterentwicklung der Hardware, Software und Middleware zu beobachten. Die Software wächst rasant und mit großen Fortschritten im Bereich IoT und Konnektivität, während Hardware und Middleware nicht ganz so dynamisch sind. China bietet eine besondere Einsatzumgebung, wo Neuerungen sich schneller durchsetzen als in anderen Märkten. Das liegt an der großen Bereitschaft zur Einführung neuer Technologien. So verlangen in China beispielsweise viele Kunden längst mobile Apps, während man in anderen Ländern noch mit Desktop-Funktionen zufrieden ist. Die Basishardware aber entwickelt sich zu langsam weiter und kann mit diesen Software-Innovationen nicht Schritt halten. Das wiederum führt zu einem Generationsproblem und schränkt die Funktionalitäten der Software-Applikationen im industriellen Umfeld ein.

Wir können also feststellen, dass der Wandel durch wirtschaftlichen Druck und das Bewusstsein für die Möglichkeiten, die neue Technologien bieten, vorangetrieben wird.

Frage: Welche Maßnahmen können die Akteure der Branche ergreifen, um die Herausforderungen der effizienten Digitalisierung zu meistern?

Jerry Zhang: Mitarbeiter und Prozesse bilden die Säulen eines Unternehmens. Im ersten Schritt muss also sichergestellt werden, dass die Mitarbeiter vom Geschäftswert überzeugt und bereit sind, unterstützende Prozesse zu implementieren. Nach unserer Erfahrung geschieht dies am effektivsten mithilfe eines weithin akzeptierten Anwendungsfalls, wie z. B. der vorausschauenden Instandhaltung. Für diesen setzt man dann ein Pilotprojekt auf, vielleicht zunächst für eine Produktreihe oder eine Bauform.

Es ist äußerst wichtig, die Komponenten für dieses Pilotprojekt so zu gestalten, dass sie sich auch in anderen Projekten verwenden lassen, um so die Erweiterung des Pilotprojekts zu erleichtern.

Um in der Pilotphase eines Konzepts einen Nachweis für den Geschäftswert zu erbringen, muss eine End-to-End-Lösung geschaffen werden, damit der Anwender die Vorteile in vollem Umfang nutzen und sich vorstellen kann, wie die vollständige Umsetzung aussehen würde. Zur Sicherung der finanziellen Unterstützung empfiehlt es sich, die Leistungskennzahlen (KPIs) zu verfolgen. So lassen sich quantitative Ergebnisse intern darlegen. Außerdem kann man die neue Technologie auf diese Weise externen Kunden vorführen, um deren Unterstützung zu gewinnen, denn am Ende werden sie es sein, die für das Produkt bezahlen.

Frage: Welche Faktoren tragen zum Erfolg eines Digitalisierungsprojekts bei?

Jerry Zhang: Man muss vor allem mit neuen Anwendungsfällen Schritt halten, die sich aus neuen oder vorhandenen Technologien ergeben. Selbstverständlich verfügen Softwareanbieter und Systemintegratoren über technologisches Expertenwissen. Es kommt jedoch auch darauf an, den Geschäftswert einer Technologie zu (er)kennen, denn nur das Unternehmen selbst kennt seine internen Prozesse und Herausforderungen bis ins Detail. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, interne Prozesse zu erfassen und das Optimierungspotenzial in diesen Prozessen zu erkennen. Die Erwartungen sind hoch, dass die Digitalisierung Verbesserungen in großen Sprüngen bewirkt. Meist sind es jedoch kleinere, inkrementelle Verbesserungen, die sich erst im Laufe der Zeit zu großen Verbesserungen aufaddieren.

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