Zum Hauptinhalt springenZum Seitenfuß springen

 |  Blog

Am Problem vorbeigebaut: Warum so viele AI-Projekte schon am Start scheitern

In der Praxis scheitert die Einführung von AI selten an der Technik, sondern viel öfter an der fehlenden strategischen Verankerung. Und wie genau das dann aussieht, verdeutlicht das Beispiel eines mittelständischen Anlagenbauers.

Alles begann mit einem Besuch auf einer Fachmesse: Dort hatte ein Wettbewerber einen „autonomen AI-Agenten für Serviceanfragen“ präsentiert. Um den Anschluss nicht zu verlieren, genehmigte die Geschäftsführung unseres Anlagenbauers also kurzerhand das Budget für ein eigenes AI-Agenten-Projekt.

Nach einem Jahr intensiver Arbeit stand der Agent und verarbeitete eingehende Serviceanfragen automatisch. Er durchsuchte technische Dokumentationen, identifizierte Ersatzteile und erstellte Kostenvoranschläge. Das System arbeitete bei Standardanfragen absolut zuverlässig. Und trotzdem folgte die Ernüchterung, denn der Agent löste das falsche Problem.

Die Standardanfragen liefen nämlich bereits vorher schon effizient. Das eigentliche Problem waren die komplexen Sonderfälle, bei denen das erfahrene Serviceteam tagelang für eine Diagnose brauchte. Aber dabei half der Agent überhaupt nicht. Er war dazu schlicht nicht in der Lage, weil am Anfang seiner Entstehung die Fragestellung falsch gestellt wurde. Statt „Wie bauen wir einen Agenten“, hätte die korrekte Frage lauten sollen: „Welches Problem kostet unser Servicepersonal die meiste Zeit?“. 

Resultat: Eine technisch funktionierende Lösung, die völlig am realen Bedarf vorbeigeht.
 

Technologie als Selbstzweck

Dieser falsche Startpunkt ist symptomatisch. Technologie wird viel zu oft zum Selbstzweck anstatt zum Werkzeug für die Erreichung eines klaren Ziels. Die Frage nach dem „Wie“, also dem Einsatz der neuen Technik, verdrängt die viel wichtigere Frage nach dem „Was“: Welches konkrete Geschäftsproblem soll eigentlich gelöst werden?

Dass der Fokus auf die Prozesse einen entscheidenden Unterschied macht, belegen auch die Zahlen von Gartner: Unternehmen, die ihre Arbeitsabläufe vor der Einführung von AI neu gestalten, übertreffen ihre Umsatzziele. Und das doppelt so häufig wie Unternehmen, die AI lediglich implementieren und darauf hoffen, dass sich der Nutzen magisch von selbst einstellt.  

Dieses kluge Business Alignment, also die konsequente Abstimmung der Technik auf die Geschäftsziele, entscheidet am Ende darüber, ob die Investition einen echten ROI liefert oder zur reinen Ressourcenverschwendung wird. 
 

Die drei kritischen Defizite in der Umsetzung

Hinter dem Scheitern solcher AI-Projekte stecken meist drei zentrale Versäumnisse:

  1. Fehlende Zieldefinition: 

    Die entscheidende Frage darf nicht lauten: „Was ist technisch machbar?“, sondern: „Wo verlieren wir täglich Zeit und Geld?“. Hätte man im Beispiel des Anlagenbauers strukturierte Gespräche mit den Servicetechniker:innen geführt, wäre der echte Pain Point sofort klar gewesen: Die mehrtägige Diagnosezeit bei Sonderfällen und nicht die Standardanfragen. Ein Use Case sollte daher nicht nach technischem Glanz, sondern nach seinem tatsächlichen Nutzen und der Zeit bis zum ersten messbaren Erfolg ausgewählt werden.

  2. Integration in echte Arbeitsprozesse

    Eine Studie von BCG zeigt deutlich: Unternehmen, die ihre Arbeitsabläufe gezielt anpassen, bevor sie AI integrieren, erzielen Verbesserungen von 30 bis 50 Prozent. Wer die Technologie hingegen einfach auf bestehende Prozesse aufsetzt, erreicht oft nur 10 bis 20 Prozent.

    Es reicht also nicht, eine AI-Lösung auszurollen. Man muss verstehen: Wie arbeiten Techniker:innen heute bei komplexen Fällen? Welche konkreten Aufgaben muss der Agent übernehmen, um eine echte Entlastung zu sein?  Nur wenn der Prozess dort angepasst wird, wo es hakt, wird die Lösung am Ende nahtlos funktionieren.

  3. Fokus auf messbaren Mehrwert

    Ein Projekt scheitert oft an den falschen Erfolgskriterien. Technische Werte wie „80 Prozent der Anfragen automatisch verarbeitet“ klingen zwar gut, sagen aber nichts darüber aus, ob das eigentliche Problem gelöst wurde.

    Echter Erfolg bemisst sich an konkreten Geschäftskennzahlen. Das Ziel sollte nicht eine hohe Automatisierungsquote sein, sondern beispielsweise: „Die Diagnosezeit bei komplexen Sonderfällen sinkt von 2,5 Tagen auf 2 Stunden“ oder „Die Kundenzufriedenheit bei kritischen Anfragen steigt um 25 Prozent“. Nur solche Kennzahlen zeigen schwarz auf weiß, ob die Investition einen echten wirtschaftlichen Unterschied macht oder nur ein technisches Spielzeug geblieben ist.
     

Der bessere Weg

Hätte der Anlagenbauer diesen Weg gewählt, wäre das Ergebnis ein völlig anderes gewesen: Nach einer sorgfältigen Bedarfsanalyse wäre die Priorisierung nach dem geschäftlichen Mehrwert und der technischen Machbarkeit gefolgt. Erst danach wäre die Entscheidung für die passende Technologie gefallen.

Das Resultat? Ein intelligentes Diagnosesystem, maßgeschneidert für komplexe Sonderfälle. Dieses Werkzeug würde das erfahrene Servicepersonal genau dort unterstützen, wo es heute am meisten Zeit verliert. Es wäre ein integraler Bestandteil des Arbeitsalltags und würde echten Mehrwert für Kunden sowie Unternehmen schaffen. Tatsächlich wurde aber eine Lösung für ein Problem entwickelt, das in der Praxis gar nicht existierte.
 

Strategie schlägt Technik

Der Fall zeigt deutlich: Der Erfolg von AI entscheidet sich lange vor der ersten Zeile Code. Anstatt im stillen Kämmerlein Tools zu vergleichen, müssen die Menschen an den Tisch, die das Problem täglich erleben. Erst wenn man versteht, wo im Betrieb wirklich Zeit und Geld verloren gehen, kann Technologie ihre hilfreiche Wirkung entfalten.

AI ist kein Selbstzweck. AI ist das Werkzeug, um echte geschäftliche Hürden zu nehmen. 

Über den Autor

 

Alexander Butz ist Head of Business Line Data Solutions bei M&M Software. Seine Superkraft? Er ist der universelle Übersetzer zwischen Unternehmensvision, Datenrealität und den Möglichkeiten von KI. Er hat die Lösungen entwickelt, leitet heute das Team, das sie umsetzt, und gestaltet die Strategie dahinter.

Erstellt von