Die von Daniel Kahneman popularisierte Dual-Process-Theorie unterscheidet zwischen zwei Arten des Denkens, die als System 1 und System 2 bezeichnet werden (Kahneman, 2011):
Diese Erkenntnis ist für UX-Designende relevant, da Entscheidungsabfragen je nach Kontext und Komplexität unterschiedliche Denksysteme ansprechen sollten. Routineentscheidungen mit geringem Risiko sollten System 1 nutzen und intuitiv gestaltet sein, während komplexe Entscheidungen mit potenziell schwerwiegenden Konsequenzen System 2 aktivieren und entsprechend strukturiert werden sollten.
Praktisch bedeutet das, dass kritische Entscheidungen immer mit einer Sicherheitsabfrage / Rückbestätigung, beispielsweise über einen Modal Dialog, einhergehen sollten.
Die von John Sweller entwickelte Theorie der kognitiven Belastung beschreibt, wie die Präsentation von Informationen die kognitive Verarbeitung beeinflusst (Sweller et al., 1998). Sie unterscheidet zwischen:
Während die intrinsische Belastung durch die Aufgabe selbst bestimmt wird, kann die extrinsische Belastung durch optimales UI-Design signifikant reduziert werden. Das ist besonders relevant bei komplexen Entscheidungssituationen, bei denen die kognitive Kapazität der Nutzenden nicht überschritten werden sollte.
Praktisch ist das teilweise nur schwierig umsetzbar. Ein mögliches Vorgehen ist beispielsweise textuelle Informationen in möglichst einfacher Sprache zu präsentieren oder auf einen folgenden erwünschten Buttonklick mit einem visuellen Marker hinzuweisen.
Die Choice Overload-Hypothese von Iyengar und Lepper (2000) beschreibt, dass zu viele Auswahlmöglichkeiten paradoxerweise zu Unzufriedenheit, Entscheidungsvermeidung oder impulsiven Entscheidungen führen können. Studien zeigen ebenfalls, dass Menschen zwar Auswahlmöglichkeiten schätzen, jedoch bei zu vielen Optionen überfordert werden können.
Ebenfalls relevant in diesem Kontext ist das Hick-Hyman-Gesetz, welches den logarithmischen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Auswahlmöglichkeiten und der für die Entscheidung benötigten Zeit beschreibt (Hick, 1952). Je mehr Optionen zur Verfügung stehen, desto überproportional länger dauert die Entscheidungsfindung.
Praktisch bedeutet dies, dass die Anzahl der Entscheidungsoptionen auf ein Minimum reduziert werden sollte. Bei komplexen Auswahlszenarien empfiehlt sich eine hierarchische Strukturierung der Optionen, also eine Abfrage in mehrere einfache Abfragen zu gliedern.
Miller's Gesetz besagt, dass Menschen etwa 7 (±2), von Cowan (2001) zu 4 aktualisiert, Informationseinheiten gleichzeitig im Kurzzeitgedächtnis verarbeiten können (Miller, 1956).
Praktisch bedeutet das, dass bei der Gestaltung von Entscheidungsabfragen die Anzahl der gleichzeitig präsentierten Informationseinheiten begrenzt werden sollte. Komplexere Informationen können durch sinnvolle Gruppierung oder Hierarchisierung strukturiert werden.
Die Art und Weise, wie Entscheidungsoptionen formuliert und präsentiert werden, hat erheblichen Einfluss auf das Entscheidungsverhalten der Nutzenden. Dabei ist vor allem die Prospect Theory von Kahneman und Tversky (1979) relevant, die die folgenden Aspekte beleuchtet:
1. Verlustaversion
Die Prospect Theory zeigt, dass Menschen Verluste stärker gewichten als gleichwertige Gewinne und sich von Referenzpunkten beeinflussen lassen. Dieser Effekt wird als Verlustaversion bezeichnet.
Bei der Formulierung von Optionen kann diese Asymmetrie berücksichtigt werden. Beispielsweise könnte eine Speicheroption als "Vermeidung von Datenverlust" statt als "Sicherung der Daten" beschrieben werden, um die Auswahlwahrscheinlichkeit zu erhöhen.
2. Framing-Effekte
Framing-Effekte beschreiben, wie die Art der Darstellung von Informationen die Entscheidungsfindung beeinflusst, selbst wenn der objektive Inhalt identisch ist. Positives Framing (z.B. "90% Erfolgsrate") führt zu risikoaversem Verhalten, während negatives Framing (z.B. "10% Versagensrate") zu risikofreudigerem Verhalten führt (Tversky & Kahneman, 1981).
Das bedeutet, dass die bewusste Wahl des Framings genutzt werden kann, um bestimmte Entscheidungen zu fördern. Dies sollte jedoch im höchsten Maße ethisch reflektiert werden. In sicherheitskritischen Anwendungen kann negatives Framing beispielsweise dazu beitragen, dass Nutzende unbewusst höhere Risiken eingehen.
3. Ankereffekte
Der Ankereffekt beschreibt die Tendenz, Entscheidungen an einem ersten verfügbaren Referenzwert (Anker) auszurichten, selbst wenn dieser Wert willkürlich oder irrelevant ist (Kahneman & Tversky, 1974).
Im UX-Design kann der Ankereffekt durch die Setzung sinnvoller Defaultwerte genutzt werden. Beispielsweise könnte bei einer CNC-Fräse ein sicherer Wert für die Schnitttiefe als Voreinstellung im Eingabefeld voreingestellt sein, um unplausible Abweichungen unwahrscheinlicher zu machen.
Fazit
In unseren immer komplexer werdenden Arbeitsumgebungen und Aufgaben ist es eine besondere Herausforderung, aber auch Pflicht für uns als Expertinnen und Experten, Interfaces so zu gestalten, dass diese nicht zu der Komplexität beitragen, sondern Nutzende dort entlasten, wo es möglich ist. Mit einem grundlegenden Verständnis dafür, wie Menschen Entscheidungen treffen und wie wir sie dabei unterstützen können, kann hierfür ein elementarer Beitrag geleistet werden.
Die in diesem Blogbeitrag vorgestellten psychologischen Grundlagen bieten einen Rahmen für die nutzerzentrierte Gestaltung von Entscheidungsabfragen. Die Dual-Process-Theorie verdeutlicht, dass wir zwischen intuitiven und reflektiven Entscheidungssituationen unterscheiden müssen. Die kognitive Belastungstheorie erinnert uns daran, dass die Präsentation von Informationen maßgeblich die Entscheidungsqualität beeinflusst. Die Choice Overload-Hypothese und das Hick-Hyman-Gesetz warnen vor den negativen Auswirkungen zu vieler Optionen, während Miller's Gesetz eine praktische Obergrenze für die gleichzeitige Präsentation von Informationseinheiten nahelegt.
Besonders die Erkenntnisse aus der Prospect Theory können gezielt eingesetzt werden, um Entscheidungsabfragen zu optimieren: Durch die Berücksichtigung von Verlustaversion, Framing-Effekten und Ankereffekten können wir Nutzende subtil, aber wirksam in ihrer Entscheidungsfindung unterstützen. Immer unter der ethischen Prämisse, dass wir sie zu informierten und für sie vorteilhaften Entscheidungen befähigen wollen.
Letztendlich geht es nicht darum, Nutzende zu manipulieren, sondern ihnen ein Interface zu bieten, das ihre kognitiven Prozesse unterstützt, Fehler minimiert und die Entscheidungserfahrung angenehm gestaltet. Eine durchdachte Gestaltung von Entscheidungsabfragen trägt somit nicht nur zur besseren Usability bei, sondern fördert auch die Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit der Nutzenden: ein Ziel, das wir als UX-Designende stets verfolgen sollten.
Wir unterstützen Sie dabei, komplexe Entscheidungsprozesse in klare, intuitive und sichere User Interfaces zu übersetzen.